Meine 5 Minuten Ruhm: Besinnliches Weihnachtssterben

Wenige Tage vor Weihnachten beherrscht Stress die deutsche Durchschnittsfamilie. Die Alkoholflaschen müssen versteckt, die Kinder erzogen und die Geschenke verpackt werden. Ein Jahr voller Ereignisse und spektakulärer Gebetssessions mit dazugehöriger BILD-Kampagne.

So erhofften sich wohl viele Kirchen einen großen Zuwachs zur Weihnachtszeit. Einmal das Besinnliche aus der schnöden Kiste des Alltags hervorkramen. Auf die Werte achten. An das Wichtige denken. Da gab es nur ein Problem: Das liebe Fernsehen kam ihnen zuvor.

Da sitze ich also neben meinem anscheinend magersüchtigen Weihnachtsbaum vor einem ausgeschalteten Fernsehgerät und versuche vor der Tanne möglichst stilvoll die schlecht eingepackten Geschenke zu drapieren. Vergeblich. Ein solches Szenario an zerknüllten Geschenkverpackungen mit demolierten Schleifen und unfein angebrachten Grußkarten ist nur durch den zur Weihnachtszeit üblichen Großbrand als warmes Fest der Liebe zu verkaufen.

Vor jenem 24. Dezember liefen im Radio bereits zur Osterzeit die üblichen traditionellen Weihnachtslieder von „Last Christmas“ bis hin zu „Rocking Around The Christmas Tree“ in der 80er Jahre Elektronikversion mit Gospelgesang.

Nun sitze ich aber samt Familie in einem mit Sommerhits durchströmten Raum. Gerade zum Fest möchte man doch besinnliche Musikkultur hören. Stattdessen kommt „Let’s get loud“, „Macarena“ und einen Sommerhit, den ich als solchen nicht zu bezeichnen wage.
Noch während meiner Überlegungen, ein Weihnachtsfest in Badeshorts zu feiern, wechsle ich zum Fernsehen.

Während meine liebenswürdige Oma gespannt auf ein live von Promis aufgeführtes Krippenspiel wartet (Sie vermisst verständlicherweise unseren Lieblingspastor Jürgen Fliege) und meine Mutter doch gerne dem lieben Walter von QVC zusehen würde, wie er mit unglaublicher Eleganz und unbestechlichem Charme eine neue elektronische Toilettenbürste mit 250 Drehungen pro Minute vorstellt, entscheide ich mich traditionsbewusst für RTL. Wo früher noch ein schöner Klassiker lief oder zumindest ein schöner Familienfilm wie etwa «Die Muppets» mit ihrer Weihnachtsgeschichte, lief «Apokalypse Eis», ein Science-Fiction-Thriller für angehende Weltzerstörer ab 12 Jahren. Während sich die Kinder unserer Freunde, die freundlicherweise auch erschienen sind, streiten wer der beiden wohl das Atombombenmodell, und wer den McDonalds Gutschein bekommt, überlege ich mir beim Anblick dieser Bilder, das Dessert dieses Jahr auszulassen.

Meiner Oma fällt beim Anblick der Bilder spontan ihr Gebiss aus dem Mundraum, während Opa lauthals rumposaunt dass er eine solche Zeit rund 24 Mal miterlebt hat. Und zwar nackt. Geschockt von dieser Vorstellung (ich werde dieses Bild sicherlich nie wieder los) schalte ich rüber zu den Kollegen von Sat.1. Hier muss doch was Witziges laufen. Schöne Familienunterhaltung.

«Cop Land» – Ein ebenfalls ab 12 Jahren freigegebener Thriller mit Robert de Niro und Sylvester Stallone. Den Kalauer, dass dieser Film lieber an „Sylvester“ laufen sollte erspare ich mir einfach mal.

Meine Oma meint, wir sollten ins ZDF schalten. Gesagt, getan.
«Weihnachten mit Marianne und Michael». Jetzt ist Schluss. Im Fernsehen kann man zur Weihnachtszeit nichts finden was auch für die Kleinen freigegeben ist.
Selbst im ZDF ein Actionthriller.

Das ist ja schlimmer als ProSieben und «Stirb langsam» zum Tod des Papstes. Amen.

(von Daniel P. Schuster)


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